Jüdisches Leben sichtbar machen – Begegnung schafft Verständnis
Die Leibnizschule Wiesbaden beteiligte sich seit Mai 2026 an der Bildungsreihe des Hessischen Landtags gegen Antisemitismus und für die Sichtbarmachung jüdischen Lebens. Unter der Leitung von Frau Burjan, Herrn Gück und Frau Kampe entstand eine vielseitige Projektarbeit, die Information, persönliche Begegnungen und Musik miteinander verband.
Antisemitismus: eine Herausforderung für die Gesellschaft
Die Zahlen sind alarmierend: 2025 wurden 1099 antisemitische Vorfälle in Hessen dokumentiert – rund 18 Prozent mehr als im Vorjahr. 2023 waren es noch 528. Den größten Anteil machten Beleidigungen, Hetze und Schmierereien aus. Hinzu kamen 58 gezielte Sachbeschädigungen sowie körperliche Angriffe und Bedrohungen. Allein an Schulen und Hochschulen wurden 190 Vorfälle registriert.
Antisemitismus bedroht das gesellschaftliche Zusammenleben und die Demokratie. Umso wichtiger sind Aufklärung, persönliche Begegnungen und die Sichtbarmachung jüdischen Lebens.
Jüdisches Leben kennenlernen – jenseits von Klischees
Acht Schülerinnen und Schüler aus den Jahrgangsstufen 9, 10 und 12 erarbeiteten eine Ausstellung, die unterschiedliche Facetten jüdischen Lebens vorstellte. Sie beschäftigten sich mit jüdischen Feiertagen, bedeutenden Persönlichkeiten sowie religiöser und weltlicher Musik. Dabei ging es nicht nur um religiöse Traditionen und historische Hintergründe, sondern auch um die Vielfalt jüdischen Lebens in der Gegenwart.
Ein besonderer Bestandteil der Projektarbeit war ein Interview mit Steve Landau von der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden und Majk Kupferberg vom jüdischen Eintracht-Frankfurt-Fanclub „Juddebube“. Beide berichteten von ihrem Jüdischsein, von persönlichen Erfahrungen mit Angriffen und davon, wie sie damit umgehen.
Das Gespräch hinterließ bei den beteiligten Schülerinnen und Schülern einen bleibenden Eindruck. Besonders deutlich wurde der Wunsch der Gesprächspartner, sich auch in einem zunehmend feindseligen Umfeld nicht zurückzuziehen, sondern jüdische Präsenz selbstbewusst zu zeigen. Damit setzen sie ein Zeichen für eine Gesellschaft, in der unterschiedliche Lebensweisen und Identitäten selbstverständlich ihren Platz haben.
Klezmer: jüdische Musik hören und erleben
Die Musik spielte nicht nur in der Ausstellung, sondern auch „live“ eine zentrale Rolle. Die Ensembleklasse 9d setzte sich mit Klezmer auseinander, einer traditionellen jüdischen Musikrichtung, und studierte mehrere Stücke ein.
Die musikalischen Beiträge wurden an zwei besonderen Orten präsentiert: am 25. September beim „Mishpocha-Festival“ vor dem Jüdischen Museum in Frankfurt und am 20. Oktober im Hessischen Landtag. Einen besonderen Akzent setzte Sara Vida Gronewald, die den hebräischen Liedtext von „Hine ma tov“ einstudierte und professionell vortrug. Das ging unter die Haut ebenso wie das Zusammenspiel des Ensembles.
podKeks: Informieren, dokumentieren und zum Nachdenken anregen
Auch der Schulpodcast podKeks war maßgeblich an der Projektarbeit beteiligt. Die sechs Schülerinnen trugen weitere informative Fakten zu den Themen Antisemitismus und jüdisches Leben zusammen und dokumentierten die verschiedenen Etappen des Projekts. Damit ergänzten sie die Ausstellung und die persönlichen Begegnungen um eine weitere Perspektive. Besonders im Hessischen Landtag führten Die Schülerinnen zahlreiche Interviews mit Beteiligten und Gästen.
Abschluss im Hessischen Landtag: Begegnung als Auftrag
Den Höhepunkt bildete am 20. Oktober die Abschlussveranstaltung der Bildungsreihe des Hessischen Landtags gegen Antisemitismus und für die Sichtbarmachung jüdischen Lebens. Dort wurden die Ergebnisse der Projektarbeit präsentiert und in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang gestellt.
Zu den Mitwirkenden und Gästen der Veranstaltung gehörten unter anderem Dr. Daniela Sommer, Vizepräsidentin des Hessischen Landtages und Kuratoriumsvorsitzende der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung (HLZ), Manuel Lösel, Staatssekretär im Hessischen Ministerium für Kultus, Bildung und Chancen (HMKB), Daniel Neumann, Vorsitzender des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Hessen, sowie Uwe Becker, Hessischer Beauftragter für Jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus sowie für Demokratieförderung, Erinnerungskultur und Gedenkstätten.
Dr. Daniela Sommer brachte die Bedeutung des Erinnerns und Handelns in einem prägnanten Satz zum Ausdruck: „Das Sehen bringt die Erinnerung und die Erinnerung bringt das Tun.“ Sichtbarkeit schafft Aufmerksamkeit, Erinnerung verpflichtet zum Handeln. Davon zeugten die beeindruckenden Projektergebnisse von fünf hessischen Schulen und der Jüdischen Germeinde Hanau. An unserer Ausstellungswand kamen wir mit vielen Gästen ins Gespräch. Auch unsere Interviewpartner Steve Landau und Majk Kupferberg, die uns so lebendig von ihrem Alltag berichtet hatten, trafen wir dort wieder.
Meet a Rabbi
Auch Rabbiner Julian-Chaim Sassoun betonte die Bedeutung eines lebendigen Kennenlernens jüdischen Lebens. Begegnungen, wie sie beispielsweise das Format „Meet a Rabbi“ ermöglicht, können helfen, Berührungsängste abzubauen, Fragen zu stellen und jüdische Menschen nicht auf Vorurteile oder antisemitische Zuschreibungen zu reduzieren. Sinngemäß verglich Sassoun Antisemitismus mit einem Seismografen für den Zustand einer Gesellschaft: Wenn dieser ausschlägt, sei das ein Warnsignal. Wird die Gefahr ignoriert, kann daraus eine ernsthafte Bedrohung für die Demokratie entstehen.
Wissen weitergeben und Verantwortung übernehmen
Die Bildungsreihe endet nicht mit der Abschlussveranstaltung. Die Erfahrungen und Erkenntnisse sollen in die Schulgemeinschaft und darüber hinaus getragen werden – als nächstes am 9. November an der Leibnizschule. Die beteiligten Schülerinnen und Schüler des Projekts, des podKeks und der Ensembleklasse wirken als Multiplikatoren, indem sie ihre Arbeit vorstellen, darüber berichten, ihre Erfahrungen teilen und andere dazu anregen, sich mit Antisemitismus und jüdischem Leben auseinanderzusetzen.
Dazu passen auch die Angebote und Materialien, auf die im Rahmen der Bildungsreihe aufmerksam gemacht wurde, wie z. B. die Veröffentlichung der HLZ zum „Argumentationstraining gegen Stammtischparolen“ bietet Anregungen, um antisemitischen und anderen menschenfeindlichen Äußerungen im Alltag entgegenzutreten.
https://hessischer-landtag.de/bildergalerien/bildungsreihe-antisemitismus-abschlussveranstaltung
Regina Kampe


























