Nachtrag: Z(w)eitzeugengespräch am 22.9.26
Gegen das Vergessen
– Barbara Doniecka und Władysław Osik berichten Schülerinnen und Schülern der E-Phase von ihren Kindheitserfahrungen in Auschwitz –
Wie lässt sich Geschichte vermitteln, wenn die letzten Menschen, die die nationalsozialistischen Verbrechen selbst erlebt haben, immer weniger werden? Eine besonders eindringliche Antwort darauf bietet die Begegnung mit einer Zeitzeugin und einem Zeitzeugen aus Polen. Am 22. September 2026 hatte die Leibnizschule erneut die große Ehre, zu den ausgewählten Schulen zu gehören, an denen der Verein Zeichen der Hoffnung ein Zeitzeugengespräch ermöglichte. Für die Schülerinnen und Schüler des Jahrgangs 11 wurde dieser Tag zu einer besonderen Geschichtsstunde, die historische Fakten mit persönlichen Erinnerungen verband.
Kindheit zwischen Verfolgung und Lageralltag
Zwei Menschen, zwei Lebensgeschichten und doch eine gemeinsame Erfahrung: Barbara Doniecka und Władysław Osik überlebten als Kinder das Vernichtungslager Auschwitz. Im zweistündigen Plenum führte Pfarrer i. R. Klaus Enter durch das Gespräch mit den beiden Zeitzeugen. Dabei konnten auch die Schülerinnen und Schüler bereits eigene Fragen stellen.
Barbara Doniecka berichtete von ihrer Deportation nach dem Warschauer Aufstand 1944. Gemeinsam mit anderen Menschen wurde sie zunächst in das Durchgangslager Pruszków gebracht und von dort nach Auschwitz deportiert. Die Ankunft im Lager ist ihr bis heute in Erinnerung geblieben: die lauten Befehle der Aufseher, die Schäferhunde und die bedrohliche Atmosphäre. Wie die anderen Häftlinge erhielt sie eine Nummer – ein Zeichen dafür, dass den Menschen ihre Identität genommen werden sollte.
Barbara kam in eine Baracke für Kinder bis zum Alter von 13 Jahren. Enge, Schmutz und Ungeziefer prägten den Alltag. Es fehlte an Nahrung und sauberem Wasser; die Mahlzeiten bestanden aus wenig Brot und dünner, wässriger Suppe. Die Kinder waren weitgehend sich selbst überlassen. Die Barackenälteste versuchte zumindest, gegen Flöhe und Wanzen vorzugehen. Trotz der unmenschlichen Bedingungen entstand unter den Kindern eine Form der Solidarität. Sie teilten die Ungewissheit, warteten auf die Freiheit und versuchten, einander Halt zu geben. Gemeinsam sangen und beteten sie. Besonders belastend waren die stundenlangen Appelle. Die Kinder mussten außerdem miterleben, wie Häftlinge geschlagen und als abschreckendes Beispiel sogar erhängt wurden.
Ein Engel
Eine Erinnerung bewegt Barbara Doniecka bis heute besonders: die Geschichte des kleinen Mädchens Helena, das unter der Trennung von seiner Mutter sehr litt und nach einiger Zeit starb. Dieses Schicksal hat Barbara nie losgelassen. Wenn sie Auschwitz besucht, legt sie an der Stelle, an der Helena starb, einen kleinen Engel nieder. In dieser Geste zeigt sich, wie gegenwärtig die Erinnerungen an die verlorenen Kinder geblieben sind.
Noch vor der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945 wurde Barbara aus dem Lager in ein anderes Lager gebracht. Nach Kriegsende kehrte sie nach Warschau zurück und fand ein zerstörtes Zuhause vor. An den Häusern hingen Zettel, auf denen ehemalige Bewohner vermerkt hatten, wen sie suchten oder wo sie selbst zu finden waren. Zum Glück fand Barbara ihre Lieben wieder.
Geboren in Auschwitz – ein Überleben unter außergewöhnlichen Umständen
Władysław Osik wurde im Juli 1943 in Auschwitz geboren. Seine Geschichte macht deutlich, dass die nationalsozialistische Verfolgung auch vor ungeborenen Kindern und Säuglingen nicht Halt machte.
Seine Eltern waren verhaftet worden, nachdem die Familie versucht hatte, sich in der Nähe von Zamość zu verstecken. In Auschwitz wurden seine Eltern registriert und tätowiert. Schwangere Frauen waren besonders gefährdet: Bei Selektionen wurden sie ausgesondert und verschwanden häufig, ohne dass ihre Angehörigen erfuhren, was mit ihnen geschehen war. Doch Władysławs Mutter konnte ihre Schwangerschaft zunächst verbergen.
Wie konnte ein Säugling unter solchen Bedingungen überleben? Władysław berichtete von den besonderen Umständen seiner Kindheit. Seine Mutter arbeitete in einer Baracke und verfügte dadurch über einen gewissen Schutz. Er selbst sollte germanisiert und in eine deutsche Familie zur Adoption gegeben werden. Im Zusammenhang mit dieser vorgesehenen Germanisierung erhielt er eine bessere Versorgung als viele andere Kinder. Jüdische Kinder blieben dagegen weiterhin von systematischer Ermordung bedroht.
Sein Vater überlebte die Haft nicht. Vermutlich starb er an den Folgen der schweren Arbeit und der katastrophalen Lebensbedingungen. Władysław selbst war als Kind schwach, häufig krank und schwer traumatisiert. Er sprach lange Zeit kaum und stotterte stark. Nur sein älterer Bruder konnte ihn verstehen.
Zeitzeuge oder Zweitzeuge?
Sein Wissen über die eigene Vergangenheit stammt vor allem aus den Erzählungen seiner Mutter und aus historischen Quellen. Gerade das macht seine Geschichte so eindringlich: Er kann sich nicht an alles selbst erinnern, trägt aber die Folgen einer Kindheit weiter, die von Verfolgung und Gewalt geprägt war. Menschen wie Władysław werden daher Zweitzeugen genannt, da sie aus „zweiter Hand“ berichten, von dem Geschehen jedoch direkt betroffen waren und sind.
Auf die Frage, wie er heute zu Deutschland stehe, berichtete Wladek Osik von seiner früheren Angst vor Deutschland. Diese Angst sei für viele Polinnen und Polen, die die deutschen Verbrechen erlebt oder davon gehört hatten, typisch gewesen. Sein Verhältnis zu Deutschland habe sich im Laufe der Zeit jedoch normalisiert. Seine Antwort verdeutlichte, wie tief historische Erfahrungen das Verhältnis zwischen Menschen und Nationen prägen können und wie wichtig Begegnung und Verständigung für eine gemeinsame Zukunft sind.
Fragen, die über das Plenum hinausgingen
Nach dem zweistündigen Plenum wurde die Begegnung in kleineren Gruppen fortgesetzt. Insgesamt 54 Schülerinnen und Schüler bildeten zwei Stuhlkreise: In einem beantwortete Barbara Doniecka weitere Fragen, im anderen stand Wladek Osik den Jugendlichen Rede und Antwort. Die Atmosphäre war ausgesprochen aufmerksam. In den kleineren Runden hatten die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, genauer nachzufragen, persönliche Eindrücke anzusprechen und einzelne Aspekte der Lebensgeschichten zu vertiefen. So wurde aus dem Zuhören ein unmittelbarer Austausch, in dem auch Fragen Platz fanden, die sich erst während des Gesprächs ergeben hatten.
Erinnerung als Auftrag
Die Begegnung an der Leibnizschule zeigte eindrücklich, was Zeitzeugengespräche leisten können. Sie machen deutlich, dass hinter historischen Daten und Begriffen individuelle Schicksale stehen: Kinder, denen ihre Kindheit genommen wurde, Familien, die auseinandergerissen wurden, und Menschen, die trotz allem überlebten.
Der Verein Zeichen der Hoffnung leistet mit solchen Begegnungen einen wichtigen Beitrag zur Erinnerungskultur und zur Verständigung zwischen Deutschen und Polen. Für die Schülerinnen und Schüler des Jahrgangs 11 war der 22. September nicht nur eine Gelegenheit, historische Kenntnisse zu vertiefen. Sie konnten auch erfahren, welche Bedeutung es hat, Menschen zuzuhören, ihre Erfahrungen ernst zu nehmen und ihre Geschichten weiterzutragen.
Denn solange Z(w)eitzeuginnen und Z(w)eitzeugen ihre Erinnerungen teilen, bleibt Geschichte mehr als das Wissen um vergangene Ereignisse: Sie wird zu einer persönlichen Begegnung und zu einem Auftrag für die Gegenwart.
(R. Kampe)










