Besuch der Gedenkstätte KZ Osthofen

Besuch der Gedenkstätte KZ Osthofen

Fast unscheinbar liegt sie da, die Gedenkstätte KZ Osthofen: Mit den zweistöckigen Backsteinwänden, den großen Sprossenfenstern und dem gelben Portal, das mit dem halbrunden Torbogen fast beschaulich anmutet, erinnert das ehemalige Fabrikgebäude von außen entfernt an ein urbanes Co-working Space – und nicht an ein ehemaliges KZ der Nationalsozialisten.

Inmitten einer Wohnsiedlung gelegen, wo sich die Ein- und Mehrfamilienhäuser bis an die Backsteinmauer drängen und insgesamt eine eher dörfliche Beschaulichkeit herrscht, vermuten die Schüler und Schülerinnen vieles, aber kein ehemaliges Konzentrationslager. „Total harmlos“, so kommentiert Ismaeil das äußere Erscheinungsbild der Gedenkstätte, betont jedoch gleichzeitig, dass dies den Schrecken der Zeit nur umso spürbarer werden lasse.
Gemeinsam mit den Geschichtslehrern Markus Gück und Claudia Stahlheber waren die neunten Klassen unserer Schule in die rheinland-pfälzische Provinz gefahren, um die Gedenkstätte zu besuchen. Vorbei an einer dunklen, unauffälligen Gedenktafel laufen die Mittelstufenschüler und betreten die Gedenkstätte durch das Eingangstor. Auf dem Appellplatz versammeln sich die Klassen, ja wie einst die Gefangenen, die hier vom März 1933, nur wenige Wochen nach der Machtergreifung Hitlers, bis Juli 1934 inhaftiert waren. In der eindrucksvollen Dauerausstellung und bei der Führung über das Gelände erfahren die Jugendlichen, wer inhaftiert wurde und warum und können ihre vielen Fragen stellen, die ihnen sachkundig beantwortet werden. Erstaunt sind viele der Schüler und Schülerinnen, dass es das KZ nur so kurz gegeben hat und zumindest von außen so gar nicht den gängigen Vorstellungen eines Konzentrationslagers entspricht. Der junge Student Philipp, der eine Klasse über das Gelände führt, erklärt den Jugendlichen, dass in Osthofen niemand getötet wurde, und es vor allem darum ging, NS-Gegner kaltzustellen und ein Exempel zu statuieren, um die Macht der noch sehr jungen NS-Diktatur zu festigen. Die Massenverhaftungen, die den Wahlen zum Reichstag im März 1933 folgten, führten zu überfüllten Gefängnissen, so dass die leerstehende Papierfabrik in Osthofen für die Inhaftierung politischer Gefangener prädestiniert war und dann entsprechend als Gefängnis genutzt wurde. Die NS-Propaganda sprach beschönigend von einer „Erziehungs- und Besserungsanstalt“, die Bevölkerung jedoch wusste von der wahren Bestimmung dieser Anstalt, den Misshandlungen jüdischer Menschen und Andersdenkender – nicht zuletzt durch die in riesigen Lettern am Gebäude angebrachte Inschrift „Konzentrationslager Osthofen“.
In der kargen und kalten Fabrikhalle können die Lernenden bei kühlen Temperaturen erahnen, was es bedeutet haben muss, auf dem feuchten Betonboden schlafen zu müssen und mit bis zu 400 Mitgefangenen den (Über-)Lebensraum zu teilen. Keine Pritsche, kein Stuhl veranschaulicht das Leiden der Gefangenen – nur die großen Fenster und schweren Dachbalken agieren als stumme Zeugen einer Zeit, die hier eindrücklich zum Leben erweckt wird.
Im Anschluss an die Führung betont Leonhard – beeindruckt von dem soeben Erlebten und Gesehenen – dass solche Exkursionen unabdingbar seien: „Die Erinnerungskultur ist in Deutschland besonders wichtig“, so der Neuntklässler – wir alle müssten sicherstellen, dass derartiges nie wieder passiere. Die Gedenkstätte, deren erklärtes Ziel es ist, „Geschichte sichtbar“ zu machen, veranschaulicht eindrücklicher als jedes Schulbuch, dass sich diese so nicht wiederholen darf.
Der Aufruf des jungen Studenten Philipp, dass sich jeder einzelne von ihnen trauen solle, eine Meinung zu haben und vor allem diese auch öffentlich zu machen und zu vertreten, verhallt nicht ungehört: Gemeinsam verlassen die Schüler und Schülerinnen das Gelände nach drei Stunden, beklommen und nachdenklich.
Im Zug lassen die Leibnizschüler das alte Fabrikgebäude dann langsam hinter sich, die Erinnerung an das, was sich hinter den Backsteinmauern kurz nach Hitlers Machtergreifung abspielte, jedoch bleibt: Fest verankert in den Schülerköpfen, als mahnendes Beispiel.

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